Perfektionismus : Die Angst vor Kritik und Abwertung

Was man von mir denken soll

Das Streben nach Perfektionismus ist geradezu zum kategorischen Imperativ unserer Zeit geworden. Wir wollen perfekt aussehen, müssen an der Figur hart arbeiten. Schon im frühen Alter wird operiert, gestylt, sich perfekt ernährt, wenn nicht gehungert. In jeder Rolle wollen wir Optimales erreichen und großartige Leistungen erbringen: Im Job, Hobby und Freundeskreis, in der Partnerschaft, sowie als Mutter / Vater, ja sogar bereits als Kind unserer Eltern. Permanent wird mit den eigenen Schwächen hart gerungen, bis wir unsere individuellen Stärken nicht mehr erkennen und einbringen können. Das verursacht einen enormen Druck. Die damit einhergehenden psychischen und psychosomatischen Erkrankungen steigen in den letzten 10 Jahren rasant ansteigen.

Angst und Erkrankungen infolge Perfektionsmus-Stress

Ein perfektionistischer Lebensstil fördert viele Erkrankungen und Symptome wie:

  • Angststörungen und Panikattacken
  • massive Existenzängste
  • Burnout (Gefährdung)
  • Verspannungen und Rückenschmerzen
  • Essstörungen wie Magersucht und Bulimie
  • chronische Erschöpfungssyndrome und Schlafstörungen
  • Kontroll- und andere Zwänge
  • Grübelzwang (u.a. auch in Verbindung mit posttraumatischen Belastungsstörungen)
  • Depressionen bis hin zu Todesgedanken
  • Fibromyalgie
  • Allergien und Darmdysbiosen
  • Migräne und Spannungskopfschmerz
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen…

Oft entstehen diese Symptome erst nach massiven Kränkungen, die manchmal nicht einmal wahrgenommen werden. Kritik durch Vorgesetzte, Kündigungsandrohungen oder Kündigungen im nahen Umfeld  des eigenen Arbeitsplatzes sind hierfür nur wenige Beispiele. Aber auch die eventuelle Gefahr, nicht gut genug zu sein, und damit durch das soziale und finanzielle Netz in die Tiefe zu fallen, kann als sehr bedrohlich empfunden werden.  Nicht selten raubt dies den Schlaf, die innere Ruhe.

Innere Haltungen des Perfektionisten

Ausgelöst werden durch Perfektionismus nicht selten folgende Gefühlskaskaden:

  1. Es geht nicht ohne mich in der Firma, in der Familie, im Verein…, denn ich mache die Drecksarbeit
  2. Die, die sich die Rosinen rauspicken, werden nicht bedroht oder kritisiert.
  3. Dass es ohne mich weitergeht, wenn ich denn krankgeschrieben bin, fällt mit unendlich schwer zu akzeptieren und mir einzugestehen.
  4. Die dürfen alles! Wieso mache ich das mit? (Damit alle sagen: „Die gute Vanessa… / Der gute Rolf…)
  5. Dass ich in dieser Zeit keinen Nutzen stifte, ist schwer zu ertragen. Das Leben fühlt sich sinnlos an.
  6. Arbeit ist mein Lebensinhalt. Nur hier bekomme ich Bestätigung.
  7. Mein Job und die Firma sind meine Familie.

Der Einzelne verheddert sich auf diesem Wege immer mehr in den Paradoxien der Perfektion permanent aktiv und auf dem Laufenden sein zu MÜSSEN. Hält dieses MÜSSEN und SOLLEN über längere Phasen an, das mit einem hohen Selbstanspruch einhergeht, so fühlt man sich alsbald leer, innerlich leblos, immer unfähiger und ungenügender und bleibt wohlmöglich an freien Tagen nur noch erschöpft und abgestumpft im Bett.

Kennst du das? Teste dich selbst!

Dabei machen sich die Betroffenen selbst die Hölle heiß mit typischen Überzeugungen und Glaubensmustern. Mach einmal selbst den Test, wie viele dieser nachfolgenden Sätze auf dich zutreffen:

  • Ich kann nicht oder schlecht NEIN sagen.
  • Leute, die nichts leisten, sind nichts wert / ihr Geld nicht wert.
  • Ich bin schlecht im Priorisieren und Delegieren.
  • Es entspricht nicht meinen Wertmaßstäben zu delegieren.
  • Ich muss meine Mails / Nachrichten stets direkt beantworten (auch im Urlaub / am Wochenende).
  • Ich bin auf mein Ansehen / meinen Ruf sehr bedacht.
  • Gut gelungenes könnte immer besser sein.
  • Ich darf nicht enttäuschen.
  • Ich habe große Probleme Hilfe anzunehmen.
  • Ich muss alles möglich machen und selbst erledigen.
  • Bloß nicht von anderen abhängig sein.
  • Ich will nicht als Bedürftiger gelten, sondern ziehe stolz mein Ding durch.
  • Mein Partner belastet mich nicht. Er unterstützt mich auch nicht.
  • Ich war nie wirklich länger krank.
  • Überstunden / Urlaube lasse ich auch mal verfallen.
  • Ich fühle mich hingezogen zu jüngeren Mitarbeitern, denen ich helfen muss / kann.
  • Ich habe noch nie nicht gearbeitet.
  • Ich arbeite lustbetont.
  • Ablenkbarkeit ist ein Makel.
  • Ich muss ständig in allem gut sein.
  • Alltag ist Mittelmäßigkeit und Langeweile.
  • Ich könnte in meiner Mittelmäßigkeit / Fehlerhaftigkeit / als ich selbst ertappt werden.
  • Ich will ein vollwertiger und zugehöriger  Mensch in dieser Gesellschaft sein.
  • Ich vergleiche mich ständig mit anderen.

Die Kindheit des Perfektionisten

Menschen mit einem stark ausgeprägten perfektionistischen Lebensstil litten meist in ihrer Kindheit daran, nicht wahrgenommen und geliebt worden zu sein, wie sie nun einmal waren. Vielleicht waren die Eltern selbständig und permanent selbst beschäftigt. Oder sie wollten stets etwas besseres sein, was ihnen nicht recht gelang.

Meist haben Betroffene eine schlechte Beziehung zu ihren Eltern. Das Gefühl meist übersehen worden oder irrelevant gewesen zu sein, solange man nur funktionierte und keine Arbeit verursachte, ist typisch für diese Personen. Wahrgenommen wurde man vor allem von den Eltern, wenn es etwas zu kritisieren gab, man den Vorstellungen der Eltern nicht entsprach. Das Gefühl, nie anerkannt worden zu sein für das, was man in der Familie alles tat und beitrug, welche Wichtigkeit man hatte für das Familiengefüge, ist ebenfalls meist ausgeprägt.

Man empfand sich als Außenseiter oder war eher introvertiert bis schüchtern und unsicher. Frauen empfand man als weibliche Perfektionistin oft als Konkurrenz. Die Mutter hat der Tochter vielleicht zu verstehen gegeben, dass diese so unverständlich ganz anders war als man selbst. So lachte man nicht viel, redete nicht viel und hatte meist wenige Freunde.

Die Eltern werden oft missachtet

Mutter und/oder Vater wurden womöglich oft als peinlich und dysfunktional wahrgenommen. Sie waren nicht gut genug. Das hat man ihnen – meist unbewusst – nicht vergeben können. Allerdings folgt daraus wiederum ein schlechtes Gewissen. Man hat sich nicht gewollt gefühlt. Alle waren stets mit sich und ihrer Arbeit beschäftigt, so dass Geborgenheit vermisst bis nie erfahren wurde.

So wird leicht in der Gegenwart die Firma, das eigene Geschäft ein Ersatz für eine Familie und die vermisste Geborgenheit. Man vergleicht sich viel, auch mit dem Partner. Wer verdient mehr? Wer ist bewusster oder empathischer? Wer ist der bessere Mensch? Man will, dass das gegenüber gut auf einen aufpasst, einen sieht wie man ist. Ja, man erwartet unbewusst sogar oft, dass der eigene Perfektionismus vom Partner erkannt, gestoppt wird, und dass man gut umsorgt wird.

Man versucht immer unabhängig zu bleiben sowie gut und besser zu sein. Daraus resultiert eine panische Angst vor Kritik und Fehlern. Diese können zu Schweißausbrüchen, Herzrasen u.v.m. führen. Man vergleicht sich oft mit anderen und kommt zu einem Fazit wie den folgenden:

Jeder schafft es, eine harmonische Beziehung, eine intakte Familie und Kinder zu haben, nur ich nicht.

Die Befürchtung, man könne genauso selbstbezogen, egoistisch und  nicht einfühlsam sein wie die Eltern macht einen starken Schmerz. Dieser wird unbewusst abgewehrt und verdrängt, indem andere missachtet und abgewertet werden. Oft höre ich von meinen Klienten diese und ähnliche Aussagen:

Ich muss ständig die Gute sein. Dabei bin ich nicht echt. Aber was würde geschehen, wenn man hinter meine Fassade sehen könnte? Was und wer bin ich wirklich? Ich habe panische Angst, dass jemand meine Fehler erkennt. Dann versinke ich im Boden.

Der Weg in die Freiheit

Um ein Leben in Fülle, im Gefühl der sozialen Zugehörigkeit und Ebenbürtigkeit zu führen zu, ist es zunächst gut, sich diesen eigenen inneren Einstellungen zu stellen. Oft kommt es dann in meiner Praxis zu den ersten Schritten des Zulassens von Trauer: Die Angst vor Liebesentzug und sozialer Ausgrenzung anzuerkennen, eigene ‚Selbstgewöhnlichkeit‘ stehen lassen zu können, unerreichbare Ziele als diese zu entlarven… Das Aushalten eigener Fehler oder eigenen Scheiterns und daraus zu lernen…  All das können Interventionen ein, die den Druck im Kessel des Lebens absenken. Druck und Angst nehmen ab.

Dabei geht es nicht darum, eigene Visionen komplett verabschieden zu müssen: Ein Ideal kann eine gute Orientierung sein wie eine Richtung im Leben, die einem Antrieb gebt, aber kein SOLL und MUSS impliziert. Ansprüche an sich selbst zu haben, in einem adäquaten Rahmen, ist mehr als in Ordnung. Dieses eigene gute Maß herauszufinden, sind weitere Schritte auf dem Weg. Krankhafte Organisiertheit und Ordnung darf dann abgelöst werden von Freiräumen für das wirklich wichtige im Leben sowie Genuss. Der Zwang des Abarbeitens und Funktionierens darf hinterfragt und sanft gelöst werden. Welchen Stellenwert soll und darf Privates im Alltag einnehmen?

Angstvolles Kreisen um sich selbst macht permanenten Druck. An dessen Stelle darf mehr und mehr Los- und Einlassen treten, Präsenz in der Natur oder dem Berührenden treten. Freude am Hobby, an der Gemeinsamkeit, an Zweisamkeit im Vertrauen auf ein angenommen werden einfach weil man ein Mensch ist, und nichts leisten muss.

Nicht immer bedarf es einer Therapie. Auch Kurzzeitinterventionen und ein Coaching können hier viel Erleichterung bringen. So werden Ängste und stressender Druck aus eigenen Ansprüchen herunterreguliert und sanft aufgelöst. Selbst Phobien und katastrophisierende Gedanken können hiermit ihr Ende finde.

Resilienz unterstützt Deine Selbstwirksamkeit  und Gesundheit  stärkt Dein Selbstvertrauen  und Bewusstsein, schafft Klarheit für gute Entscheidungen, führt Dich zu Deinen eigenen Lösungen und Deiner Berufung . Glaub mir! Ich selbst gehe diesen Weg seit vielen Jahren mit wachsender Begeisterung. Teile diesen Beitrag auf den sozialen Medien Deiner Wahl, wenn Du ihn hilfreich findest, damit diese kleine Übung maximalen Nutzen entfaltet. Oder schreib einen Kommentar und steige in die Diskussion ein!
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